Dietrich Bonhoeffer: “Wer bin ich” – “Who am I”

Standard

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und feste
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer , der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge.
Ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen.

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlicher Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenen Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.

Dietrich Bonhoeffer,  Juni 1944

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) war einer der herausragenden deutschen Theologen des 20. Jahrhunderts. Er wirkte unter anderem als evangelischer Pfarrer in Berlin und gehörte zur ‘Bekennenden Kirche’. Er entschied sich zum Widerstand gegen Hitler; er wurde 1943 inhaftiert, und 1945 – in den letzten Kriegstagen – zum Tode verurteilt und hingerichtet. Sein Lebenszeugnis und seine Schriften  prägten und prägen viele Menschen.

______________________________________

Who am I? They often tell me,
I come out of my cell
Calmly, cheerfully, resolutely,
Like a lord from his palace.

Who am I? They often tell me,
I used to speak to my warders
Freely and friendly and clearly,
As though it were mine to command.

Who am I? They also tell me,
I carried the days of misfortune
Equably, smilingly, proudly,
like one who is used to winning.

Am I really then what others say of me?
Or am I only what I know of myself?
Restless, melancholic, and ill, like a caged bird,
Struggling for breath, as if hands clasped my throat,
Hungry for colors, for flowers, for the songs of birds,
Thirsty for friendly words and human kindness,
Shaking with anger at fate and at the smallest sickness,
Trembling for friends at an infinite distance,
Tired and empty at praying, at thinking, at doing,
Drained and ready to say goodbye to it all.

Who am I? This or the other?
Am I one person today and another tomorrow?
Am I both at once? In front of others, a hypocrite,
And to myself a contemptible, fretting weakling?
Or is something still in me like a battered army,
running in disorder from a victory already achieved?
Who am I? These lonely questions mock me.
Whoever I am, You know me, I am yours, O God.

Dietrich Bonhoeffer, June 1944 [1]

____________________

[1] translation by Thomas Albert Howard

Georges Lemaitre – der Physiker vor dem „Verborgenen Gott“

Standard

Georges Lemaitre war überzeugter Wissenschaftler und überzeugter Priester. Er sah keinen Konflikt zwischen Wissenschaft und Glaube, denn er trennte die Kategorie der „Physik“ klar von jener der „Metaphysik“. Durch die Beschreibung des Wirken Gottes als einem Gott, der sich verbirgt, zeigt er uns, dass die moderne Kosmologie weder Gottes Wirken belanglos macht, noch leistet er einer Haltung Vorschub, die Gott als ” einen weiteren innerweltlichen Akteur“ sehen will.

In den 1920er Jahren entwickelte Georges Lemaitre, der junge belgische Astronom mit Priesterkragen, seine Theorie zur Entstehung des Universums. Er postulierte ein “Uratom” ohne Zeit, Raum und Materie. Das Universum entstand im Bruchteil einer Sekunde und blähte sich demnach wie ein Luftballon immer weiter auf, während darin in einem kosmischen Feuerzauber Sterne und ganze Galaxien entstanden.

Während der Solvay Konferenz im Oktober 1927 traf Albert Einstein auf Georges Lemaitre, der ihm seine Hypothese präsentierte. Die neue Hypothese gefiel Einstein nicht, sie erinnerte ihn zu sehr an das „Dogma der Schöpfung“ wie er sagte. Er verwies Lemaitre aber auf eine Arbeit des inzwischen verstorbenen Russen Alexander Friedmann, der 1922 einen Artikel geschrieben hatte „Über die Krümmung des Raums“ (On the curvature of space). Die Überlegungen von Friedmann hatte Lemaitre selbst bereits angestellt und war noch weit über sie hinausgegangen.

Continue reading

Fascination – Verzauberung

Standard
2-preis-nouraldin-ali-07-idomeni

(c) Ali Nouraldin, Children in Idomeni, at the border between Greece and Macedonia

Unicef 2. Preis: Stunde der Verzauberung

Es ist Nacht angebrochen in Idomeni. Eine Nacht zwischen weiteren Tagen des Wartens, der Bewegungslosigkeit, der Ungewissheit. Über 12.000 Flüchtlinge, meist aus Syrien und in der Mehrzahl Kinder und Jugendliche, harrten im Frühjahr 2016 hier an der griechisch-mazedonischen Grenze aus; gestoppt auf ihrem Weg nach Deutschland, von dem viele träumen. Freiwillige Helfer haben ein Behelfskino unter freiem Himmel aufgebaut, um sie aus der Lagerrealität zu entführen und ihre Gedanken verreisen zu lassen. Der 1985 im Gaza-Streifen geborene, gegenwärtig in Köln lebende und für internationale Medien arbeitende Fotojournalist Ali Nouraldin, hat diese Stunde der Verzauberung während eines längeren Aufenthalts in Idomeni eingefangen. Besonders berührt haben ihn die ebenso bangen wie hoffnungsvollen Fragen, die ihm immer wieder von den Flüchtlingen gestellt wurden. So griff ein kleines Kind nach seiner Hand und ließ sich erwartungsvoll von den Schulen in Deutschland erzählen.

John Henry Newman’s Prayer for the Church – that only exists in German

Standard

Hint: It was falsely attributed to him

Some years ago, in troubled times, I found this prayer by Bl. John Henry Newman:

O Gott,
die Zeit ist voller Bedrängnis,
die Sache Christi liegt wie im Todeskampf.
Und doch –  nie schritt Christus mächtiger durch diese Erdenzeit,
nie war sein Kommen deutlicher,
nie seine Nähe spürbarer,
nie sein Dienst köstlicher als jetzt.Darum lasst uns in diesen Augenblicken des Ewigen,
zwischen Sturm und Sturm,
in der Erdenzeit zu Dir beten:O Gott,
Du kannst das Dunkel erleuchten,
Du kannst es allein!

(Kardinal John Henry Newman)

O God,
the time is full of distress,
the cause of Christ is like in agony.
And yet – never did Christ walk more powerfully through this time on earth,
Never was His coming clearer
never His proximity more noticeable,
never His service more precious than now.
Let us then in these moments of the Eternal,
between storms,
in this time on Earth pray to you:
O God,
You can illuminate the darkness,
You can do it alone!(Cardinal John Henry Newman)
[translation mine]

It gave me a lot of peace, and took me on a path of discovery, since a friend had already suggested that I read his autobiography “Apologia pro vita sua”. Within, I learned to know a personality who in the depths of his heart was always reaching for the truth. He was someone with a profound piety, the gift of friendship and pastoral care, apostolic zeal, and a high intellectual capacity. He started out as an Anglican clergyman, where he wrote the wonderful poem known to Anglicans and Catholics alike entitled, “Lead, kindly light”, when feeling lonely on his way back to England from Rome. Upon his return from this Continue reading

Franz von Assisi, Patron der Ökologie

Standard

In “Laudato Si” weist uns Papst Franziskus einen Weg: durch  Einheit mit Gott, durch das Streben nach Heiligkeit zum richtigen Verhältnis zur Natur und Umwelt:

„Die Harmonie zwischen dem Schöpfer, der Menschheit und der gesamten Schöpfung wurde zerstört durch unsere Anmaßung, den Platz Gottes einzunehmen, da wir uns geweigert haben anzuerkennen, dass wir begrenzte Geschöpfe sind. Diese Tatsache verfälschte auch den Auftrag, uns die Erde zu „unterwerfen“ (vgl. Gen 1,28) und sie zu „bebauen“ und zu „hüten“ (vgl.Gen 2,15). Als Folge verwandelte sich die ursprünglich harmonische Beziehung zwischen dem Menschen und der Natur in einen Konflikt (vgl. Gen 3,17-19). Darum ist es bedeutungsvoll, dass die Harmonie, in der der heilige Franziskus von Assisi mit allen Geschöpfen lebte, als eine Heilung jenes Bruches interpretiert wurde. Der heilige Bonaventura sagte, dass Franziskus, „da er mit allen Geschöpfen in Frieden war“, wieder in „den Zustand vor der Ursünde“ gelangte. Weit von diesem Vorbild entfernt, zeigt sich die Sünde heute mit all ihrer Zerstörungskraft in den Kriegen, in den verschiedenen Formen von Gewalt und Misshandlung, in der Vernachlässigung der Schwächsten und in den Angriffen auf die Natur.“ (LS 66)

Ein starkes und kräftiges Bild – ja wohl auch mehr, ein Programm:  Franziskus schreitet  gleichsam in den Zustand der ursprünglichen Harmonie zwischen Gott, Mensch und Mit-Geschöpf „zurück“ – das Ziel vor sich. Und gerade darin besteht auch die „ökologische Umkehr“, die der Papst von jedem von uns einfordert. Nicht nur ein einmaliges „Ja“ zur guten Sache, sondern eine beständige Bemühung, dieses harmonische Miteinander in unserem Leben anzustreben, in unsere Entscheidungen miteinzubeziehen. Und zwar nicht nur als „gute Sache“, sondern als Bestandteil des „guten“, des „richtigen“ Lebens.

Arabic precursors of Charles Darwin’s theory of evolution

Standard

Did you know that the theory of evolution did not only have precursors in our own scientific cultural environment, but also in the arabic world, dating back to the 9th century? – Now you know.

… the serious scientific discussions on evolution began at least a thousand years before Charles Darwin, mainly by Muslim scholars. Abu Uthman ‘Amr ibn Bahr, commonly known as Al-Jahiz, was the originator of the idea of evolution through his famous book entitled “Kitab al-Hayawan” (“The Book of the Animals”). Al-Jahiz was an Arab prose writer, the author of works on adab, philosophy, Mu’tazili theology, politico-religious polemics and scientific essays. He was born in Basra in 776 and learned various disciplines at different mosque circles.  Later he joined Mu’tazili circles and bourgeois saloons in Basra, Baghdad and Samarra, where conversations were animated by philosophical, theological and scientific problems.

In his “Kitab al-Hayawan”, Al-Jahiz introduced the concept of food chains and also proposed a scheme of animal evolution that entailed natural selection, environmental determinism and possibly the inheritance of acquired characteristics. In difference from modern evolutionary theory, for Al-Jahiz, the will of Allah served as the antecedent or originator for all mutation and transformations. As he suggested, inanimate elevates to plant level and animals are evolved from plants. Man, according to Al-Jahiz, was an evolutionary stage of animals. He also widely discussed the concepts of struggle for existence, adaptation and animal psychology, the concepts that make the pivot of Darwin’s theory of natural selection.

read more here: FROM AL-JAHIZ (776-868) TO CHARLES DARWIN (1809-1882) — HistoriaFactory

William Paley: “There must be chance in the midst of design”

Standard

Did William Paley really say this?

paley chance

On 25 May 1805 William Paley died. He is best known for his work “Natural Theology: or, Evidences of the Existence and Attributes of the Deity, Collected from the Appearances of Nature” in which he compared God to a watchmaker. When I found this quote shared on twitter and facebook by The Economist on occasion of the anniversary, I asked: “Did he really say this?” YES. But only as a premise to be contradicted.  So, in fact:   NO. He did see chance only as an appearance of chance, like the accidental coincidence of two designed events, or chance as the result of the ignorance of the observer. [1]

We should acknowledge that in his time, chance and randomness had not yet the same importance as in our times. He knew nothing about radioactivity or Brownian notion. He did not know about DNA and random mutations.

Continue reading